Immer mehr Jugendliche und sogar Kinder im Grundschulalter kommen mit ihrer Welt nicht mehr zurecht
Dass die Depression eine ernst zu nehmende Erkrankung ist, hat sich im kollektiven Verständnis inzwischen relativ fest verankert. Weniger bekannt, dafür umso erschreckender ist es, dass bereits Kinder an schweren Formen dieser Krankheit der Seele leiden können und immer öfter den Selbstmord als einzigen Ausweg betrachten.
An die 50 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 20 Jahren nehmen sich in Österreich jährlich das Leben. 15 Prozent aller österreichischen Jugendlichen sind von schweren depressiven Episoden betroffen und sogar zwei Prozent der Kinder im Vorschulalter kennen die große Leere und Trauer, die diese Krankheit mit sich bringt. Ein trauriger Trend, der im Steigen begriffen ist. Auch Prim. Dr. Michael Merl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Landes- Frauen- und Kinderklinik, kann diese alarmierenden Zahlen bestätigen: „In unserem Klientel und bei zirka 1.000 stationär zu versorgenden Kindern sowie 2.500 Neuzuweisungen in der Ambulanz, waren im Jahre 2003 insgesamt 245 Kinder mit erheblichen Depressionen in Behandlung.“
Warum immer mehr Kinder mit dem Leben nicht zurechtkommen, darüber wird auch in der Wissenschaft viel gemutmaßt. Primar Michael Merl sieht zwei wesentliche Ursachen: „Einerseits nehmen echte oder vermeintliche äußere Bedrohungen, wie z. B. Aids, Umweltschäden, Krieg zu. Andererseits nehmen soziale Bindungen kontinuierlich ab: Eltern finden immer weniger Zeit für ihren Nachwuchs, wo früher vorgelesen und gespielt wurde, regieren heute Fernsehen und Computerspiele. Aber auch emotional belastende Situationen wie der Tod eines Familienmitglieds oder die Trennung der Eltern können Auslöser für eine Depression sein.“
Die Symptome einer Depression bei Kindern können vielfältig sein und werden häufig als Erziehungsfehler verkannt
Wie schwer es ist, Depressionen bei Kindern zu erkennen und zu bekämpfen, zeigen die Erfahrungen aus der Praxis, wie Prim. Merl erläutert: „Während Erwachsene meist artikulieren können, warum es ihnen nicht gut geht, wenn sie die Chance dazu bekommen, verfügen Kinder meist weder über die intellektuellen noch über die rhetorischen Fähigkeiten, ihr Leid zu beschreiben. Besonders jüngere Kinder klagen meist nur über die körperlichen Begleiterschienungen wie Kopf- oder Bauchweh. Dadurch kann wertvolle Zeit verstreichen, bis die eigentliche Ursache gefunden ist.“
Viele Eltern schieben das veränderte Verhalten ihrer Sprösslinge auch auf eine schlechte Tagesverfassung oder schlicht auf Ungehorsam und vertrauen darauf, dass die Zeit es „schon richten“ wird. Ein fataler Fehler, wie Prim. Merl betont: „Im Gegensatz zu vielen körperlichen Erkrankungen heilen psychische Störungen fast nie von selbst, sie wachsen sich nicht einfach aus, selbst dann nicht, wenn sich die Lebenssituation zum Besseren wendet.“
Um umfassend heilen zu können, sollte eine Behandlung möglichst in einem frühen Stadium beginnen. Prim. Merl gibt wertvolle Hinweise, wie man die ersten Anzeichen einer Depression bei Kindern erkennen kann: „Sehr oft verstecken sich die typischen Symptome wie anhaltende Interessen-, Freud- und Schlaflosigkeit bzw. zuviel Schlaf, Konzentrationsstörungen oder Kontaktstörungen hinter Verhaltensauffälligkeiten, die der Laie nicht selten auf Erziehungsmängel zurückführt. Burschen fallen durch ständige Streitereien und eine ausgeprägte Zerstörungswut auf, wobei sie vor allem das zerstören, was ihnen besonders lieb ist. Mädchen hingegen reagieren häufig mit Rückzug, Hemmungen und oft auch mit Gewalt gegen sich selber“, so der Mediziner.
„Das Medikament ist nur ein Ton im Konzert der anderen Heilverfahren“ – Kombinierte Therapieansätze helfen heilen
Ist eine Depression diagnostiziert, gibt es unterschiedliche Therapiemöglichkeiten, deren Einsatz aber immer in enger Zusammenarbeit mit den Eltern stattfinden muss. Bei Kindern fällt als Mittel der ersten Wahl die Entscheidung nur in Ausnahmefällen auf Medikamente: „An erster Stelle steht das Studium der Symptome und das Ausschalten von Risikofaktoren“, betont Prim Merl. Völlig auf den Einsatz von Psychopharmaka zu verzichten, wenn es die Diagnose erfordert, hält der Mediziner aber für einen Kunstfehler: „Wenn bestimmte Auflagen, die exakte Diagnostik und Begleitung durch die Krankheit gewährleistet sind, können Medikamente eine wertvolle Hilfe sein. Völlig auf ihren Einsatz zu verzichten, kann dazu führen, dass die Depression zum dauerhaften Wegbegleiter wird. An unserer Abteilung werden im ambulanten und stationären Bereich Medikamente mit größter Sorgfalt eingesetzt und sie beziehen sich auf Promille aller Fälle. Wesentlich ist der kombinierte Einsatz, denn das Medikament ist nur ein Ton im Konzert der anderen Heilverfahren.“
Leider wird von Seiten der pharmazeutischen Industrie kindliche Depression nicht ernst genommen. Den Ärzten an der Kinder- und Jugendpsychiatrie stehen nur sehr wenige Medikamente zur Verfügung, die mit standardisierten Erfahrungsberichten bei Kindern aufwarten können. Umso wichtiger ist es, nie zur Selbstmedikation zu greifen. Dazu Prim. Merl: „Fachwissen, Erfahrung und Professionalität müssen zur Verfügung stehen, um im Falle eines Einsatzes von Medikamenten die Risikofaktoren abschätzen zu können.“
Noch vor jeglicher Medikation steht aber die elterliche Zuwendung und Aufmerksamkeit. Davon ist Prim. Dr. Michael Merl überzeugt: „Wichtig ist, dass sich Eltern, wann immer sie den Verdacht haben, dass ihr Kind depressiv sein könnte, mit Experten über die beste Strategie der Hilfe beraten, um einen gemeinsamen Weg aus dem ,schwarzen Loch’ der Sinn- und Freudlosigkeit im Leben zu finden. Denn nur wer das Problem erkennt, kann heilen helfen.“